Selfies – der siebte Fall für das Sonderdezernat Q – Jussi Adler-Olsen 1


Das Warten ist vorbei! Das Sonderdezernat Q ist nach langem Warten endlich mit seinem Neuen Fall zurück. Oder vielleicht doch eher mit seinen drei neuen Fällen?
Diesmal werden Carl Mørck und sein Team zur Aufklärung eines brutalen Mordfalls von der Mordkommission Kopenhagen hinzugezogen. Dabei entdecken Assad, Carl und Gordon eine Verbindung des Mordes zu einem besonders brisanten Cold case aus ihren offenen Akten, die den Mord in ein neues Licht zu rücken scheint.
Doch ausgerechnet jetzt steckt noch dazu Sekretärin Rose in der Klemme und benötigt die Hilfe ihrer Kollegen – noch dringender als diese ahnen. Sie wird von grauenhaften Erinnerungen an ihre eigene Vergangenheit geplagt und droht, sich in düsteren Gedanken zu verlieren.
Und zu allem Überfluss ahnen Carl und seine Kollegen noch nichts von der Bedrohung die von den jungen Frauen Michelle, Jasmin und Denise ausgeht, die sich gerade in Kopenhagen zu einem brandgefährlichen Trio verbünden.

Endlich Band sieben! Ich habe, wie sicher viele andere Fans der Reihe auch, nach dem spektakulären Cliffhanger in „Verheißung“ sehnsüchtig auf den siebten Fall des Sonderdezernats Q gewartet. Das Buch hatte ich in unter fünf Tagen durch und ich muss sagen: es ist eine solide Leistung und ein gutes Buch – hinterlässt aber doch nicht ganz den erhofften Eindruck.
Zunächst fiel es mir schwer der erzählten „Zeitachse“ in „Selfies“ weiter zu folgen. Während ich „Erwartung“ und „Verheißung“, zwischen deren Handlung in der erzählten Zeit mehrere Monate liegen, direkt hintereinander gelesen habe, hatte ich diesmal zwischen Band sechs und sieben beinahe ein Jahr Pause. Diesen Abstand hatte ich auch in der erzählten Zeit des Buches erwartet. Hier allerdings knüpft „Selfies“ mit geringem Abstand „Verheißung“ an. Das habe ich am Anfang so oft vergessen, dass ich ein Problem hatte, mich wieder in die Zeit der Geschichte einzufinden. Nach den ersten drei oder vier Kapiteln gibt sich das wieder. Hier wäre mein Tipp für alle Fans, die auch die Handlung des sechsten Buches nicht mehr ganz präsent haben, „Verheißung“ am besten nochmal zu lesen, bevor man direkt mit „Selfies“ startet.
Auch die einzelnen Handlungsstränge in „Selfies“ sorgten bei mir zunächst für Verwirrung. Noch nie in dieser Reihe hatte das Sonderdezernat Q so viele Fälle parallel. Dabei weiß der Leser allerdings nie genau, welchen der Fälle er jetzt im Auge behalten soll: die Ermittlungen um Roses Vergangenheit, die Akte des Sonderdezernates Q oder doch den aktuellen Fall, der damit in Verbindung zu stehen scheint? Und das aller schlimmste an diesem Spagat: man ahnt schon früh, wie sich die Handlungsstränge rund um alle Personen zusammenfügen, den Protagonisten aber bleiben die meisten Zusammenhänge verborgen, sodass die Ermittler lange im Trüben fischen. Das kann den Leser schon mal nahe an die Verzweiflung bringen – besonders am Ende des Buches – sorgt aber auch für ziemlich viel Spannung.
Aber gut, beide Fehler seien dem Buch verziehen. Was ich aber definitiv nicht verzeihen kann ist, wie feige sich der Autor bei all den vielen in Teil sechs aufgetauchten Fragen über Assads und Roses Vergangenheit aus der Affäre zu ziehen versucht. Zwar dreht sich der größte Teil des Buches auch um Roses Situation und ihre Familie und es gibt einige neue Erkenntnisse, so richtig gelöst sind die Probleme und Konflikte zwischen Rose, ihrem Vater und dessen Kollegen, die irgendwo am Rand der Geschichte herumgeistern, zuletzt aber nicht – oder ich habe die geniale Auflösung zwischen all den vielen Einzelfällen nicht gefunden. Auch möglich. Es ist in diesem Buch aber auch wirklich schwer den Überblick zu behalten…
Und dann war da ja noch Assad. Der sich am Ende von „Verheißung“ merkwürdig verhielt und über dessen geheime Vergangenheit ich seit dem ersten Band grüble. Zwar hat man als Fan der Reihe inzwischen einige Vermutungen, aber mittlerweile hätte ich gerne mehr konkrete Informationen über Carls syrischen Helfer mit der geheimnisvollen Vergangenheit im Nahen Osten. An dieser Front allerdings verliert Adler-Olsen kaum ein Wort. Stattdessen lässt er Assad immer wieder ausweichen. Antworten ist er Carl auch am Ende von Band sieben noch immer schuldig. Ich hoffe, dass es sich hierbei um die Vorbereitung auf einen weiteren Band der Reihe handelt, der sich dann hoffentlich intensiver mit Assads Vergangenheit befasst, muss aber gestehen, dass ich an diesem Punkt der Geschichte die Geduld verliere.

Trotzdem hat sich das Warten auf „Selfies“ gelohnt.
Mir fiel es sofort leicht, mich wieder auf Adler-Olsens angenehmen Schreibstil einzulassen. Die ganze Geschichte liest sich wie die vorausgehenden Bände auch sehr schön und flüssig. Das Buch ist stilistisch gut geschrieben und auch an der Übersetzung aus dem Dänischen habe ich nach sieben Bänden immer noch nichts zu meckern gefunden.
Auch schafft der Autor es die vielen, einzelnen, in sich schon sehr kompakten Fälle, die auf den ersten Blick scheinbar nichts miteinander zu tun haben, einmal mehr mit einem beeindruckenden, vielschichtigen und realistischen Beziehungsgeflecht zu einer einzigen Handlung zu verbinden. Dafür, dass ich am Anfang der Geschichte nur verwirrt war und keine Vorstellung hatte, wohin die Reise geht und wie der Autor das auflösen will, war ich nach dem Epilog doch sehr beeindruckt, wie schnell sich plötzlich alle Einzelhandlungen ganz ohne gestelzt zu wirken zusammengefügt haben. Dafür ein großes Lob!
Als Ausgleich dafür, dass Assad und Rose in den Hintergrund treten, rückt Gordon, der Neue vom Sonderdezernat Q, in den Fokus des Lesers. Der Autor nutzt „Selfies“, um Gordons Rolle in seinem Team weiter auszubauen und zu festigen. Während ich den Ermittler zu Beginn seiner Karriere nervig und überflüssig fand, wandelt sich mein Bild von ihm in „Selfies“ hin zu einem jungen Mann, dem Rose tatsächlich viel bedeutet und der als Ermittler fähiger ist, als  seine Kollegen und die Leser es ihm zugetraut hatten.
Auch diesmal spielt Adler-Olsen gekonnt mit den verschiedenen Perspektiven, aus denen seine Leser das Geschehen mitverfolgen. Dabei versetzt er sich gekonnt sowohl in seinen Ermittler Carl Mørck, als auch in die verwirrte Rose oder einzelne Frauen der unteren Sozial- und Bildungsschicht hinein, ohne dass man als Leser merkt, dass die Perspektiven von ein und derselben Person geschildert werden. So gut geschriebene, so unterschiedliche Perspektiven habe ich in noch keinem anderen Buch dieses Genres erlebt. Hut ab!
Da das Sonderdezernat Q in Kopenhagen ermittelt, spielt die Situation bei Carl zu Hause, rund um seinen schwulen Mitbewohner Mika und seinen gelähmten Exkollegen Hardy eine größere Rolle als in „Verheißung“. Hier schafft es der Autor diesmal nicht nur dem Fall zuträgliche, kollegiale Gespräche zwischen Carl und Hardy einfließen zu lassen, sondern auch bei allen Beteiligten Entwicklungen auf der persönlichen Ebene aufzuzeigen, die die Stimmung im Buch immer wieder auflockern, ganz ohne, dass es kitschig wird. Ich konnte mich sogar als Leser für jeden Fortschritt von Carls gelähmtem Kollegen mit den beiden mitfreuen. Auch an dieser Front vermute ich, dass der Autor noch einige Überraschungen für seine Leser bereithält, die auch einen alten Fall von Carl und seinem Kollegen Hardy betreffen könnten. Auf jeden Fall macht auch dieser kleine Exkurs von Carls eigentlichen Fällen Spaß und Lust auf mehr von dieser Reihe und ich kann die Fortsetzung schon jetzt kaum erwarten!

Zusammenfassend war „Selfies“ nicht das beste Buch dieser Reihe und hinterlässt bei mir keinen so starken Eindruck wie „Erbarmen“ oder „Erlösung„. Trotzdem überzeugt mich der siebte Band mit einem gut ausgedachten Beziehungsgeflecht der handelnden Personen, stilistisch hervorragender Arbeit, einem tollen Ermittlerteam, dessen Weiterentwicklung der Leser Schritt für Schritt mitverfolgt und vielen zwischenmenschlichen Eindrücken, ohne dabei wie in „Erwartung“ ins Kitschige abzuschweifen. Es ist nicht mein Lieblings-Fall, lässt mich aber zufriedener zurück als „Schändung“ und „Erwartung“ und macht definitiv Lust auf eine Fortsetzung.
Für alle Fans des Genres und besonders dieser Reihe ist „Selfies“ deshalb sicher einen Blick wert und meine neue Empfehlung!

Selfies – der siebte Fall für das Sonderdezernat Q, Jussi Adler-Olsen, 2017, 576 Seiten, gebundene Ausgabe, 23,00 € (Kidle-Edition 19,99 €)

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Bildnachweis: https://www.amazon.de/Selfies-siebte-Sonderdezernat-Kopenhagen-Thriller/dp/3423281073/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1490532161&sr=8-1&keywords=selfies


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Ein Gedanke zu “Selfies – der siebte Fall für das Sonderdezernat Q – Jussi Adler-Olsen

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    Ruth Beitragsautor

    Liebe Leser,

    manchmal ist es nicht so leicht seine Gedanken über ein Buch auf den Punkt zu bringen, wie ihr merkt…
    Bitte entschuldigt diese lange Buchkritik zu „Selfies“ (sie wird wohl in nächster Zeit noch gekürzt werden).
    Wir hoffen, dass sie allen Fans der Reihe trotzdem ein Bild von dem Buch vermittelt ohne zu viel vorweg zu nehmen.

    Viel Spaß mit dem neuen Fall des Sonderdezernats Q!

    euer Redaktionsteam